Kirsten Armbruster


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Matrifokalität



Matrifokalität bedeutet Mütter im Zentrum und Matrifokalität ist kein Matriarchat.
Matrifokalität ist die natürliche Form des Zusammenlebens der Menschenart.

Folgender Text stammt aus dem Buch:
Armbruster, Kirsten: Matrifokalität – Mütter im Zentrum - Ein Plädoyer für die Natur, 2014, S. 7-13



"Im Paläolithikum und im Neolithikum (Altsteinzeit und Jungsteinzeit) war Matrifokalität - die enge, matrilineare Großmutter-Mutter-Tochter-Schwester-Ahninnenliniengemeinschaft - , die ihre Verwandschaft für alle leicht nachvollziehbar, konsanguinal und nabelabstammend definierte, nicht nur die Grundlage, sondern die Voraussetzung für die Kulturentwicklung der Menschen, denn Menschen zählen zu den besonders unreif und daher auch besonders fürsorgebedürftigen Spezies. Nur die enge, lebenslange Großmutter-Mutter-Tochter-Schwestergemeinschaft gewährleistete die optimalen, langfristig-stabilen Entwicklungsbedingungen für die nächste Generation. Das Frauenkollektiv der Sammlerinnen und im Neolithikum der Pflanzerinnen, das, wie wir heute wissen, 75 % der Nahrung herbeischaffte, sorgte hierbei für eine ökonomisch weitgehende weibliche Autarkie, ebenfalls ein wichtiges Stabilitätskriterium

Der Mann, der ja ebenfalls nabelabstammend-blutsverwandt in diese matrifokale Sippenstruktur hineingeboren wurde, war in die matrifokalen Lebensverhältnisse gut integriert: als Sohn und Bruder konsanguinal eng verwandt, als exogam-erotisch-sexueller Geliebter, als Jäger mit einem ökonomischen Gemeinschaftsbeitrag und, wie einige der paläolithischen Höhlenzeichnungen vermuten lassen, auch als Jagdschamane, wobei der Begriff Schamane sprachlich konnektiert ist mit der Scham, der Pudenda, der Vulva der Frau, was assoziiert, dass Schamanen innerhalb der Religion von Gott der MUTTER wirkten, in dem Bewusstsein von der Mutter geboren zu sein und von ihr, wie die Naturzyklen es nahe legen, auch wiedergeboren zu werden

Matrifokalität bewegt sich immer zwischen zwei lebensoptimierenden Polen. Erstens der selbstbestimmten, freien Sexualität der Frau, der sogenannten female choice (Bott, Gerhard; 2009; Uhlmann, Gabriele; 2011/2012), und zweitens, der für das Überleben der Art ebenso wichtigen, durch Chemotaxis gesteuerten Exogamie, die eine Sexualität innerhalb von konsanguinal Verwandten ausschließt. (Bott, Gerhard; 2009, S. 57-72).

Bei einer freien und wechselnden Sexualität der Frau spielt Vaterschaft keine Rolle, denn die Natur hat ja den Weg gewählt, dass Männer sich kaum sicher sein können der leibliche Vater zu sein, es sei denn, sie versuchen die freie Sexualität der Frauen zu beschneiden, wie es im Patriarchat durch politisch-theologische Keuschheitsindoktrinationen geschieht. Die freie female choice der Frau ist hingegen aus Sicht der Natur optimal, denn sie gewährleistet eine genetische Vielfalt bei gleichzeitiger, den natürlichen Lebensbedingungen angepasster Vermehrung, was zu einem Gleichgewicht zwischen Ernährungsmöglichkeit und Bevölkerungswachstum führt.

Heute hingegen stehen wir vor der Situation, dass, wie die neueste NASA-Studie von 2014 zeigt, das Ende der „menschlichen“ Zivilisation“ vorausgesagt wird. Einer der Hauptgründe für den prognostizierten Untergang dieser patriarchalen Zivilisation ist das aus dem natürlichen und ursprünglichen Verantwortungsbereich der Frauen annektierte Geburtsverhalten, das zu einem exponentiellen Bevölkerungswachstum geführt hat, das heute den natürlich vorhandenen Ressourcenvorrat der Erde sprengt. Dem liegt die Idee des Vaters als Hauptmaßstab für Männlichkeit zugrunde mit seinem Dogma „Seid fruchtbar und mehret euch“ als sichtbares Zeichen für männliche Potenz. Diese Idee vom potenzgesteuerten Vater, der sich im Zuge der Rinderdomestikation durch Hirtennomaden zunehmend sozial und theologisch zum Oberhaupt einer Paarungsfamilie aufgeschwungen hat, erweist sich heute in der Kombination mit einer ständigen Gier nach Akkumulation von Privateigentum als tödliche Bedrohung für den Lebensraum der Erde.

Das heute wieder freigelegte Wissen um Matrifokalität, und die damit verbundene natürliche und freie sexuelle female choice ermöglichen uns aber der patriarchalen Lebensweise etwas entgegenzusetzen, indem sowohl die Fruchtbarkeit als auch die ökonomische Unabhängigkeit wieder in den Verantwortungsbereich der Mütter gelegt werden und auch, indem eine Theologie, die der Frau die Göttlichkeit abspricht, vom Staat nicht länger protegiert wird: Denn das Patriarchat konnte nur in einer Kombination von Politik und Theologie mit struktureller Gewalt durchgesetzt werden.

Der zweite, ebenso wichtige Faktor der Matrifokalität, die sexuelle Exogamie verdient ebenso Beachtung, auch dadurch, da sie sich, wie Bott gut herausgearbeitet hat, zwischen der Lebensform des Wildbeutertums und der Sesshaftigkeit wesentlich unterschied. (Bott, Gerhard; 2009, S. 57-72; www.gerhardbott.de: Zur sozialen Ordnung der Bovidenzüchter; S. 7-12). Dies macht es heute aber auch möglich daraus zu lernen und engagierte Vä-ter in die Matrifokalität zu integrieren.

Bott beschreibt die alte matrifokale Ordnung der WildbeuterInnen folgendermaßen:

"Die als Sammlerinnen kooperierende Gemeinschaft der Frauen mit ihren Abkömmlingen beschaffte mindestens zwei Drittel der Gesamtmenge ihrer als autarke Lebens- und Wirtschaftsgemeinschaft nomadisierenden Genossenschaft, der etwa 30 geschlechtsreife Frauen/Mütter mit deren 60 Abkömmlingen, d.h. Kindern und Heranwachsenden angehörten, sowie 30 geschlechtsreife exogame Männer. Diese 30 aus anderen Wildbeuter-Genossenschaften stammenden und von den Frauen in die Genossenschaften aufgenommenen Männer beschafften durch die Jagdbeute des Jägerkollektivs im Durchschnitt ein Drittel der Gesamtnahrung, je nach Jägerglück manchmal weniger, manchmal mehr. Da die 30 erwachsenen Frauen/Mütter alle miteinander blutsverwandt waren, d.h. derselben konsanguinalen Geburtsfamilie entstammten, bildeten sie mit ihren Kindern eine matrilineare Blutsfamilie, zu welcher also mit Ausnahme der "fremdblütigen" Männer, etwa 90 Individuen der Genossenschaft von 120 Köpfen gehörten. Die 30 geschlechtsreifen Männer, die als "Familien-Fremde" von jener gemeinsam lebenden und sammelnden Blutsfamilie in ihren (biologischen) Sozialverband aufgenommen wurden, waren die exogamen Sexualpartner der Frauen … und betrachteten deren Blutsfamilie als ihre neue Lebensgemeinschaft, nachdem sie, sobald geschlechtsreif geworden, ihre eigene matrilineare Blutsfamilie, in die sie hineingeboren worden waren, zu verlassen hatten, um Platz zu machen für die fremden, exogamen Männer, die von ihren Müttern, Schwestern, Cousinen in ihre Wirtschaftsgemeinschaft aufgenommen wurden (vgl. mein Kapitel II, S. 22 ff.). Die Männer waren also für die Frauen Fremde, denn sie mussten Familien-Fremde sein. Sie waren aber durch Sexual- und Liebesbeziehungen mit den Frauen ihres neuen Sozialverbandes eng verbunden. (www.gerhardbott.de: Zur sozialen Ordnung der Bovidenzüchter; S. 7).

Bott ergänzt zwei Seiten weiter die Beschreibung der paläolithischen Lebensverhältnisse:

"Jeder junge Mann einer paläolithischen Lebens- und Wirtschaftsgemeinschaft wird nach seiner Pubertät den Tag mit Ungeduld erwarten, an dem er seine Geburtsgenossenschaft verlassen kann, weil dort ja alle weiblichen Wesen der Blutsfamilien-Exogamie wegen für ihn sexuell tabu sind. Wenn er als junger Jägers-Mann aufgenommen wird in eine andere blutsfremde Wildbeutergenossenschaft, eröffnet sich ihm die Chance seine gerade erwachte Sexualität auszuleben, sofern ein (oder mehrere) der Frauen ihn zum Sexualpartner wählen. Regelmäßig wird der junge Mann in diejenige Genossenschaft eingeführt werden, in welche der Bruder seiner Mutter oder sein älterer (matrilinearer) Bruder zuvor bereits aufgenommen worden waren und diese blutsverwandten Männer initiieren ihren jungen matrilinearen Blutsverwandten in ihr Jägerkollektiv und sorgen für seine Ausbildung". (ebenda, S. 9-10).

Bereits in seinem Buch "Die Erfindung der Götter" (2009) hat Bott darauf hingewiesen, dass zur exogamen Blutsfamilie der endogame Stamm gehörte, d.h., dass die Blutsfamilien zwischen denen Exogamie stattfand sich kannten, weil es den Homo sapiens Müttern ein Anliegen gewesen sei, ihre Söhne gut aufgehoben zu wissen, was in sich logisch ist, denn die Natur hat es ja so eingerichtet, dass Mütter sowohl Töchter als auch Söhne gebären, was bedeutet, dass sie beiden Geschlechtern aufgrund der körperlichen Gegebenheiten fürsorglich verbunden sind.

Bott erkennt auch, dass Sesshaftigkeit und Zusammenleben am gleichen Ort im Zuge der Neolithisierung die Menschen vor neue Probleme bezüglich der Exogamie-Praxis stellen. Er schreibt:

"Während unter der "alten Ordnung", den Wildbeuterbedingungen" z.B. Mutter und Sohn, Bruder und Schwester voneinander örtlich getrennt wurden, so verblieben jetzt, nach der "neuen Ordnung" diese engen Blutsverwandten am gleichen Ort und begegneten einander ständig. Der vorher mit der Exogamie verbundene Wechsel des Ortes, der LOKALITÄT, entfällt nun mehr". (ebenda, S. 9).

Bott ergänzt eine Seite weiter:

"Unter den Bedingungen der Sesshaftigkeit vieler verschiedener Blutsfamilien am gleichen Ort .… erübrigt sich, um der Exogamie zu genügen, ein solcher Wechsel der Wirtschaftsgemeinschaft. Um eine Sexualpartnerin zu finden, müssen sich Männer und Frauen nur an ihrem Wohnort umsehen und ein junger Mann muss nicht mehr in eine entfernt nomadisierende blutsfremde Wirtschafts-genossenschaft hinüberwechseln, denn er findet seine Sexualpartnerin am Wohnort …. Der Mann genügt der Exogamie-Notwendigkeit vollständig dadurch, dass er zum Schlafen und Beischlafen ins Haus seiner jeweiligen Sexualpartnerin geht oder lebt. Die hergebrachte Praxis der Matrilokalität wird also beschränkt auf das Sexualleben. (ebenda, S. 10)…. Exogamie hat keine Auswirkungen mehr auf den Aufenthalts-Ort des Mannes und auf seine ökonomischen Verhältnisse". (ebenda, S. 11).

Da es sich unter heutigen Bedingungen erweist, dass die Kleinfamilien-Paarungsfamilie mit ihrer staatlich und theologisch sanktionierten Institution der Ehe nicht ge-eignet ist einen verlässlichen-langfristigen Rahmen für ein Aufwachsen von Kindern zu bilden, was die durch-schnittlichen Scheidungsraten von 40 % unter nicht re-pressiven religiösen und ökonomischen Frauenabhän-gigkeitsverhältnissen zeigen, rückt das Interesse für Matrifokalität immer mehr in den Vordergrund. Gerade weil, wie Bott beschreibt, im Paläolithikum die matrili-near verwandten Frauen blutsfremde Männer, die ja die Zeuger ihrer Kinder waren, in ihre Lebensgemeinschaft integrierten, könnte dies auch ein Vorbild für heutige Väter sein.


Literatur:

Bott Gerhard. Die Erfindung der Götter, Essays zur Politischen Theologie, Norderstedt, 2009
Bott Gerhard: Die Erfindung der Götter, Essays zur Politischen Theologie, Band 2 Norderstedt 2014
Bott Gerhard: Zur sozialen Ordnung der Bovidenzüchter unter http://www.gerhardbott.de/ii-neolithikum-und-danach/zur-sozialen-organisation-der-boviden-zuechter-catal-hoeyuek--bandkeramiker-staedte-gruender-von-el-ubaid.html
Bott Gerhard: Reflexionen zur Fruchtbarkeitssymbolik und zur kulturellen Entwicklung des menschlichen Sexualverhaltens unter http://www.gerhardbott.de/zu-den-palaeolithischen-homines-sapientes/reflexionen-zur-fruchtbarkeits-symbolik-und-zur-kulturellen-entwicklung-menschlichen-sexualverhaltens.html
Uhlmann, Gabriele: Archäologie und Macht; Zur Instrumentalisierung der Ur- Und Frühgeschichte, Norderstedt 2011, 2012




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