Kirsten Armbruster


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Mütter zwischen Muttertum, Faschismus und Matriarchat

(Aus dem Buch. Armbruster, Kirsten: Gott die MUTTER - Eine Streitschrift wider den patriarchalen Monotheismus, 2013, S. 49-61)

Das konventionelle Bild der Mutter in einer patriarchalen Gesellschaft entspricht in keiner Weise dem Mutterbild freier nicht domestizierter "Wilder Mütter". Erich Fromm beschreibt die patriarchale Verdrehung des Mutterbilds treffend:

"Diese Züge weichen allerdings erheblich von dem konventionellen Bild der Mutter in der gegenwärtigen patrizentrischen Gesellschaft ab. Diese kennen im Wesentlichen nur Mut und Heldentum des Mannes (bei dem diese Eigenschaften in Wirklichkeit in hohem Maße mit dem Narzissmus verknüpft sind), während die Gestalt der Mutter im Sinne des Sentimental-Schwächlichen umgedeutet wird… Nicht mehr die Mutter hat die Funktion des Schützens, sondern sie muss beschützt und "rein" erhalten werden. Diese Reaktionsbildung auf die Zerstörung der ur-sprünglichen Beziehung zur Mutter erstreckt sich auch auf die sie repräsentierenden Symbole wie Land, Volk, Erde usw. und spielt in den extrem patrizentrischen Ideologien der Gegenwart eine wichtige Rolle. Die Mutter und ihre psychologischen Äquivalente sind in diesen nicht verschwunden, aber sie haben ihre Funktion gewechselt: Aus der Schützenden ist eine Schutzbedürftige geworden" (Fromm, Erich, 1994, S. 59/60).

Seit Bachofen 1861 mit dem Erscheinen seines Buchs über das Mutterrecht den Begriff Gynaikokratie aufwarf, den er als Weiberherrschaft verstand, taucht in der öffentlichen Diskussion in Verbindung mit Müttern auch immer wieder der verwirrende Begriff Matriarchat auf, so dass es diesbezüglich einer Klärung bedarf:

Alle WissenschaftlerInnen sind sich heute einig, dass es ein Matriarchat im Sinne einer Herrschaft von Müttern, in Umkehrung eines Patriarchats, nie gegeben hat. Das bedeutet aber auch, dass Bachofens Theorie einer grausamen Mütterherrschaft, die er als Mutterrecht bezeichnet, widerlegt ist.

Gerhard Bott hat sowohl in seinem Buch "Die Erfindung der Götter" als auch in einer unter www.gerhardbott.de veröffentlichten Korrespondenz überzeugend herausgearbeitet, dass Bachofen völlig gefangen ist in einer patriarchalischen Weltsicht auf die Mütter, in der er ein angeblich grausames Mutterrecht, einem von ihm geschätzten patriarchal kontrollierten Muttertum, das er -der eingefleischte Patriarch - als positiv beschreibt, gegenüberstellt. Bott deckt diese meistens übersehene Differenzierung sehr gut auf:

Mutterrecht und Muttertum:
"Bachofen beschreibt die von Natur aus aphroditisch-hetärische Frau der Urgesellschaft als versunken in einer Sumpf-Sexualität, und zwar so tief, dass sie sich schließlich angeekelt und durch die unersättliche Sexualität der Männer ermüdet, eines Tages dagegen zur Wehr setzt, weiterhin sexuell missbraucht zu werden. Deshalb hätten die Frauen endlich geregelte Zustände gewollt und hätten eine Gynaikokratie institutionalisiert, eben das Mutterrecht, eine "Weiber-Herrschaft". Diese Termini verwendet Bachofen durchgehend synonym. Die ersten Gynaikokratinnen waren, nach Bachofen, Frauen, die zu den Waffen griffen, sogen. Amazonen. Diese gynaikokratische Herrschaft der Frauen über die Männer sei viel grausamer gewesen, als die spätere patriarchale Herrschaft der Männer über die Frauen. Bachofen beschreibt das "Mutterrecht", das Matriarchat, also nicht nur als Spiegelbild des Patriarchats, sondern als "ZERR"-Spiegelbild: "Blutige Männermorde", "Opferung der eigenen Söhne", "Menschen-opfer" seien unter jenem "grausamen Mutterrecht", dieser blutrünstigen "Weiber-Herrschaft", an der Tagesordnung gewesen" (Mutterrecht versus Muttertum, www.gerhardbott.de).
Bott schreibt desweiteren, dass für Bachofen "Muttertum" etwas völlig anderes bedeutet als "Mutterrecht" und macht deutlich, dass Bachofen diese beiden Termini durchgehend als totalen Gegensatz verwendet und sie zwei von einander getrennten historischen Epochen zuordnet:
"Das "Mutterrecht" ist für Bachofen immer grausam und negativ, genauso, wie ich es in meinem Buch (im einzelnen S. 487 ff.) beschrieben habe. Das "Muttertum" hingegen, beschreibt er - wie alle Patriarchen- natürlich positiv; aber historisch setzt er die goldene Zeit des "Muttertums" eindeutig in die Zeit nach der "Vernichtung des Mutterrechts". Er schreibt ja: "Die Ehe bringt dem Weibe Ruhe und Versöhnung und alles Glück des durch die ausschließliche Ehe geregelten, aus dem Hetärismus zum Muttertum durchgedrungenen Geschlechtslebens". Das so hoch gelobte "Muttertum" beschreibt Bachofen also immer gebunden an die "vaterrechtliche" monogame Ehe; denn er macht klar: "Vaterrecht ist gleichbedeutend mit Eherecht" (S. 147). Aus Bachofens "Mutterrecht" geht also eindeutig hervor, dass er immer dann, wenn er vom Muttertum spricht, nicht etwa die fürchterliche Zeit des Mutterrechts meint, sondern die "befriedete Zeit", nach der "Versöhn-ung" der Frauen mit dem Primat der Männer. Er bezieht sich damit auf jene "gute" Zeit, die nach dem Ende des Mutterrechts, der Gynaikokratie oder "Weiberherrschaft", ihren Anfang nahm, und zwar durch die "Versöhnung" der Frau mit dem Mann. Erst in der vaterrechtlichen monogamen Ehe, in der sich die Frau dem Mann "lustvoll" unterordnet, wurde das "Durchdringen" der Frau zum "Muttertum" möglich. Das "Mutterrecht", hingegen stellt Bachofen durchgehend als negativen Zerrspiegel des "Vaterrechts", des Patriarchats, dar. Milde ist des Mannes Herrschaft, grausam die des Weibes, so behauptet er. (Mit Milde ist des Mannes Herrschaft, mit Grausamkeit die des Weibes gepaart. Bachofen aaO., S. 175). Erst nachdem mit Herakles der "heldische Mann" "das grausame Mutterrecht vernichtet hatte", wären die Frauen zur Vernunft gekommen, hätten den naturwidrigen Irrtum der gynaikokratischen Weiber-Herrschaft erkannt und hätten sich dann "lustvoll, befriedet und befriedigt" der höheren solaren Geistigkeit des Mannes untergeordnet und in der monogamen Ehe alles Glück dieser Erde und erst damit zum "Muttertum" gefunden. Auf diese Weise habe "die grausame Zeit des Mutterrechts", die der Menschheit eine Fülle von Leiden bereitet hätte, endlich ihr Ende gefunden" ("Mutterrecht versus Muttertum"; www.gerhardbott.de).
Bachofens Interpretationen haben sich als nicht haltbar erwiesen, aber die patriarchalen Verdrehungen des Mutterbilds, das Muttertum, wie Bachofen es genannt hat, prägen bis heute das Bild der Mutter in unserer Gesellschaft. Theologisch patrizentrisch durchgesetztes Muttertum können wir sehr gut bei der katholischen Kirche beobachten, welche die Kosmische Mutter in der Maria als die jungfräuliche Mutter Gottes und in vielen ihrer Heiligen erhalten, aber eben patriarchal besetzt hat. Maria auf der Weltkugel, im Strahlenkranz der Sonne oder auf der Mondsichel stehend, gibt bis heute die ursprünglichen Funktionen der Kosmischen Mutter wieder, aber die Göttin wird in ein patriarchales Weltbild gepresst, das ihr den ursprünglichen Status als Gott die MUTTER abspricht, sie zu einer Magd des HERRN degradiert, ihre Jungfräulichkeit verkeuscht, obwohl der ursprüngliche Jungfrauenaspekt ein parthenogenetisch-aseitätischer war und die junge Frau aus den matrilinearen Sippen über eine freie Sexualität, die sogenannte female choice verfügte (Bott, Gerhard, 2009; Uhlmann, Gabriele, 2011, 2012). Auch die katholische Kirche selbst gilt als Mutter trotz des Paradoxons, dass in der Hierarchie der katholischen Kirche Frauen eliminiert wurden, während die Protestanten Frauen zwar in ihrer Hierarchie gestatten die patrizentrische Lehre des Vater-Gott-Monotheismus zu verbreiten, andererseits aber alle matrizentrischen Züge des Christentums radikal ausgemerzt haben. Fromm bescheinigt Luther psychologisch gesehen ein extrem patrizentrischer Typ zu sein, denn im Protestantismus sind mütterliche Äquivalente wie die Gestalt der heiligen Jungfrau oder die Kirche oder alle mütterlichen Züge Gottes verschwunden (Fromm, Erich; 1994 S. 62).

Auch das Mutterbild des
Faschismus unter den Nazis in Deutschland bedient sich des patriarchalisierten Muttertums und verdreht das ursprüngliche Mutterbild der "Wilden Mütter", indem es einerseits die Mütter patriarchal-ideologisch zu Kriegsgebärmaschinen degradiert und ihr Gebären für das Vaterland bezeichnenderweise mit Mutterkreuzen honoriert. Andererseits wird aber auch die enge Verbindung zwischen den Müttern und dem Land, das ursprünglich das Heilige Land war, zu einer Blut- und Bodenkriegsideologie verfälscht. Das Heilige Mutterland wird im Patriarchat und insbesondere in der Blut- und Bodenideologie des nationalen Faschismus zu dem mit Blut getränkten Vaterland, um dessentwillen Männer auf dem Kriegsfeld geopfert, Frauen vergewaltigt und zusammen mit ihren Kindern ebenfalls getötet werden.

In Deutschland versuchte Heide Göttner-Abendroth den Begriff
Matriarchat auf eine neue Basis zu stellen. Sie bezeichnet Matriarchate als herrschaftsfreie Konsensgesellschaften und leitet das Wort Matriarchat nicht von archein sondern von arché ab. Göttner-Abendroth übersetzt deshalb das Wort Matriarchat nicht mit Herrschaft der Mütter, sondern mit "Am Anfang die Mütter". Mit dieser Übersetzung nähert sie sich zwar der Wahrheit, aber im allgemeinen und insbesondere im internationalen Verständnis ist in arché immer der Herrschaftsbegriff enthalten, wie in den Begriffen Hierarchie, Monarchie und eben auch Patriarchat (siehe hierzu auch "Zum Wortstamm arché im Begriff Matriarchat, www.gerhardbott.de). So stiftet der Begriff Matriarchat genauso viel Verwirrung wie Bachofens Begriff des angeblich grausamen Mutterrechts, das er mit Frauenherrschaft gleichsetzt. In der Praxis zeigt sich außerdem, dass der Begriff Matriarchat immer wieder als Kampfbegriff gegen Mütter verwendet wird, so dass er sich als patriarchaler Bumerang erweist und der Bedeutung der Mütter im Laufe der menschlichen Geschichte in keinster Weise gerecht wird.

In Verbindung mit Göttner-Abendroths Theorie von der Göttin und ihrem Heros stoßen wir zudem nicht nur auf eine Fehlinterpretation der Heiligen Hochzeit, dem griechischen Hieros Gamos, sondern auch auf das männliche Menschenopfer, das schon Bachofen, dem "grausamen Mutterrecht" unterstellte. Göttner-Abendroth übernimmt hier die patriarchale Denkweise von Bachofen und interpretiert sowohl die Heilige Hochzeit als auch den jährlichen Tod des Heroskönigs als matriarchal. Und sie tut dies auch in der überarbeiteten, 2012 erschienenen Auflage ihres Buches, ungeachtet einer diesbezüglich anhaltenden, öffentlichen, kritischen Diskussion (Göttner-Abendroth, Heide; Die Göttin und ihr Heros, 2012). Die Heilige Hochzeit ist für Göttner-Abendroth sogar ein matriarchales Kernstück, obwohl genau dieses Ritual der Heiligen Hochzeit den Beginn des Patriarchats markiert. Bei der Heiligen Hochzeit geht es nämlich keineswegs um die Heiligung der Sexualität an sich, sondern immer um die Heiligung der Patrilinearität, die natürlich nur über Sexualität erfolgen kann. Göttner-Abendroth hat nicht erkannt, dass die Heilige Hochzeit ja gerade die offizielle Inthronisierung der Paarungsfamilie bedeutet, d. h. die Ablösung der matrilokalen Blutsfamilie, die die Ursprungsfamilie des Menschen ist. Während im Paläolithikum, also in der Altsteinzeit und auch noch weit bis ins Neolithikum hinein, die aseitätische-parthenogenetische, aus sich selbst Leben schöpfende Mutter das soziologische und religiöse Kernstück der Gemeinschaft ist, wird die Heilige Hochzeit erstmals in sumerischen Tontafeln erwähnt. Das heißt, wir befinden uns bereits in patriarchalen Zeiten, in der die Erinnerung an die aseitätische Gott die MUTTER zwar noch überall präsent ist, aber, in der das unilinear-matrilineare Erbrecht zunehmend ersetzt wird durch ein bilineares Erbrecht, um schließlich ganz durch ein unilinear-patrilineares ersetzt zu werden. Wie Bott beschrieben hat, können wir diese Entwicklung bei den Pharaonen in Ägypten gut nachvollziehen. Während im Alten Reich noch ein bilineares Erbrecht herrschte, wird dieses schließlich im Neuen Reich unter dem Pharao Amenophis III (1388-1351 v.u.Z.) durch eine unilinear-patrilineare Thronerbfolge ersetzt (Das bilineare Thronerbrecht der Pharaonen, www.gerhardbott.de). Parallel wird diese gesellschaftliche Umwälzung von einer religiösen Umwälzung begleitet: Die aseitätische Kosmische Mutter wird zweigeschlechtlich in Göttinnen und Götter aufgespalten. Dies geht jedoch zunehmend mit einer patriarchalen Hierarchisierung in Form eines von einem Göttervater angeführten Götterpantheons einher und die Göttin wird schließlich von einem monotheistischen Vater-Gott völlig ersetzt.

Zu einer Fehlinterpretation aus der Matriarchatstheorie heraus kommt es dann auch, wenn die Bedeutung von Frauen in der Geschichte daran aufgezeigt werden soll, dass es z.B. in Ägypten Gräber von Königinnen gibt, die besonders reich ausgestattet sind, wie Doris Wolf in ihrem Buch "Was war vor den Pharaonen", (1994, S. 150) beschrieben hat. Eine besonders reiche Ausstattung von Gräbern, weist eindeutig darauf hin, dass es sich hier nicht um egalitäre hierarchiefreie Gesellschaften gehandelt haben kann, sondern bereits um eine herrschaftliche patriarchale Überlagerung.

Auch das männliche Opfer, das Widder- und Stieropfer, oder später das Menschenopfer gehen einher mit einer zunehmenden Patriarchalisierung. Und so muss auch der Ritualtod des Heroskönigs durch "Wettkämpfe als Varianten des Initiationskampfes, als Kampf gegen die mythischen Tiere der Göttin oder als Kampf gegen den Amtsvorgänger, den alten Heroskönig", wie Göttner-Abendroth ihn für die von ihr als "spätmatriarchal" bezeichnete Zeit der Bronzezeit beschreibt (Göttner-Abendroth Heide, 2012, S. 33-46), in Wahrheit als patriarchal angesehen werden. Göttner-Abendroth erweist den Müttern keinen guten Dienst, wenn sie ausgerechnet Menschenopfer mit ihrem Matriarchatsbegriff dem spirituellen Wirkungskreis der Mütter zurechnet. Denn wie Carola Meier-Seethaler treffend anmerkt, ist es kaum denkbar, "dass Mütter je freiwillig ihre Kinder geopfert hätten, es sei denn, sie hätten vor der Wahl gestanden, ein Neugeborenes zu opfern oder ihre größeren Kinder dem Tod preiszugeben (Meier-Seethaler, Carola, 2011, S. 90).

Das Opfer
Wie Meier-Seethaler beschreibt ist die häufigste Opfergabe das Libationsopfer, das kultische Darbringen von Flüssigkeiten wie Wasser, Wein, Öl oder Milch. Die Autorin schreibt:

"Dafür zeugen die unzähligen Kultgefäße an allen neolithischen und frühhistorischen Fundplätzen. Dass diese häufig in der Form des weiblichen Körpers gebildet sind, wurde bereits erwähnt. Unter anderen gab es in der kretischen Vorpalastzeit Gefäßfiguren mit durchbohrten Brüsten, aus denen die Flüssigkeit gleichsam aus der Mutterbrust fließen konnte (Marinatos N. 1993, 15). Wenn Götterstatuen, Altäre, Gräber oder heilige Bäume in kultischer Absicht besprengt werden, so reflektiert dies die hohe Bedeutung, die den Lebenswassern für die Entstehung, die Erhaltung und die Wiedergeburt des Lebens zukommt. Vermutlich schon vorkeramisch sind Gaben von Weizenkörnern, Früchten und anderer Nahrungsmittel, einschließlich gebackener Brote… Bis zur Gegenwart gehört die Darbringung junger Zweige im Frühling und von Ernte-Erzeugnissen im Herbst zu den gebräuchlichsten Formen heute christlich geprägter Dankopfer" (Meier-Seethaler, ebenda, S. 87). Tieropfer treten wie Meier-Seethaler desweiteren ausführt "seit der Herdentier-Haltung ab 7000 v.u.Z. prominent in Erscheinung, zuerst das Widder-Opfer, später vor allem das Stieropfer. Beide Tiere stehen für männliche Zeugungskraft und wurden als irdische Erscheinungen männlicher Vegetationsgötter verstanden" (ebenda, S. 85).

Tatsächlich sind für das Paläolithikum, die Altsteinzeit bisher keine männlichen Opferungen belegt. Eine Opferung ist ja auch überhaupt nicht nötig, da ja die Mütter über das heilige rote Menstruationsblut und die weiße Milch verfügen, die in der Religion der Kosmischen Mutter in Verbindung mit den Hörnerphasen von Frau Mond und den Mutterfarben Rot, Weiß und Schwarz als heilig angesehen wurden. Auffallend ist in der Tat, dass eine Opferung allerdings weiblicher Tiere dokumentiert ist, die eventuell in das Ende der Eiszeit im Zuge der dramatischen Klimaerwärmung vor 11 000 Jahren zurückreicht. Meier-Seethaler beschreibt die vorgefundene Situation folgendermaßen, die sie mit einer Abwanderung der Rentierherden nach Norden und eine dadurch möglicherweise ausgelöste Existenzbedrohung begründet:

"Im Opferteich von Ahrensberg bei Hamburg wurden die Reste von 30 ganzkörperlich versenkten Rentieren entdeckt. Es waren ausschließlich weibliche, zweijährige Tiere, die man mit Pfeilen getötet, aufgeschnitten und mit Steinen gefüllt hatte. Dass es sich um ein kultisches Ritual handelt, beweist der am Seeufer aufgestellte Holzpfahl, dessen Spitze vom Schädel einer zehnjährigen Renkuh gekrönt war" (ebenda, S. 85).

In diesem Zusammenhang auffallend ist die Bedeutung des mit Steinen gefüllten Bauches der potentiellen Rentiermütter, die sich stark von späteren Opferungen unterscheidet. Das könnte darauf zurückzuführen sein, dass in dem damaligen unilinear-matrilinearen Bewusst-sein der Menschen völlig klar war, dass eine Rettung der eigenen, möglicherweise durch die Klimaveränderungen bedrohten Jagdsubsistenzwirtschaft, nur über die Mütter hätte erfolgen können. Ein männliches Opfer hätte also niemals Sinn gemacht.

Der patriarchale Charakter des Stieropfers offenbart sich hingegen auch sehr klar im patriarchal-soldatischen Mithraskult, auf den wir circa 1500 v. u. Z. stoßen und in der Tatsache, dass die Opferungen im Alten Testament, bei den biblischen Patriarchen einen so großen Raum einnehmen. Der Umbruch von der Religion von Gott der MUTTER zum Patriarchat ist dort sehr deutlich in der Geschichte von Kain und Abel enthalten. Im 1. Buch Mose 4.2. können wir hierzu nämlich lesen:

"Und Abel wurde ein Schafhirt, und Kain wurde ein Ackerbauer. Und es geschah nach einiger Zeit, da brachte Kain von den Früchten des Ackerbodens dem Herrn eine Opfergabe. Und Abel, auch er brachte von den Erstlingen seiner Herde und von ihrem Fett. Und der Herr blickte auf Abel und seine Opfergabe; aber auch auf Kain und auf seine Opfergabe blickte er nicht".

Menschenopfer sieht Meier-Seethaler eindeutig im Zusammenhang mit dem Beginn der kriegerisch-patriarchalen Herrschaft ab dem 4. vorchristlichen Jahrtausend. Die Autorin führt aus:

"Unübersehbar ist aber die historische Tatsache, dass mit der Begründung kriegerisch-patriarchaler Herrschaft ab dem 4. vorchristlichen Jahrtausend die Praxis von Menschenopfern sprunghaft zugenommen hat. Die aus dem Osten eingebrochenen Indoeuropäer opferten Gefangene und Sklaven ihren Kriegsgöttern, die Germanen dem Odin oder Thor. Dies vor der Schlacht, um den Sieg zu erringen, und nach gewonnener Schlacht, um den Sieg und den Gott zu feiern (R.L.M.Derolez, 1963). In Homers Ilias werden Menschen beim Begräbnis großer Helden geopfert, und schon die Grabhügel der Kurganvölker bargen neben Tieropfern menschliche Nachfolgebestattungen, darunter die Witwen der Kriegerfürsten (M. Gimbutas 1991, 400). Vermutlich war die in Indien als "Sati" bezeichnete Opferung nicht nur ein barbarischer Akt der Frauenverachtung, sondern auch die Rückversicherung des Mannes, mithilfe der weiblichen Lebenskraft wiedergeboren zu werden. Erst ab Ende des dritten Jahrtausends macht dann die patriarchale Ideologie aus den großen Muttergöttinnen Kriegsgottheiten, wie es der babylonischen Ischtar, der syrischen Anat und der (vor)griechischen Athene geschah. Dabei wurden sie zu angeblich blutrünstigen Wesen dämonisiert, die nach immer neuen Blutopfern verlangen" (ebenda, S. 90).

Tatsächlich ist es doch völlig offensichtlich, dass in dem Moment, wo der Mann die Heldenrolle, also die Rolle des Heros übernimmt, wir uns schon längst im Patriarchat befinden, kennen wir doch wie Meier-Seethaler es treffend benennt "die Glorifizierung des Martyriums und die Selbstkasteiung in allen Hochreligionen" (S. 89). Der Heros tritt in ganz verschiedener Form auf, sehr verbreitet auch in Form der christlichen Drachentöter Michael, Georg und Patrick aber auch als Siegfried im Nibelungenlied, das lange als Nationalepos der Deutschen galt. Tatsächlich steht der Drache für die Kosmische Mutter und der Drachentöter für den Muttermord, was sich nicht nur im babylonischen Weltschöpfungs-Epos ENUMA ELISH im Kampf zwischen Marduk und Tiamat nachvollziehen lässt, sondern auch in der neutestamentlichen Offenbarung des Johannes als Kampf des Michael mit der Frau und dem Drachen, die hier mit der alten Schlange, dem Teufel und dem Satan gleichgesetzt werden (Offenbarung, Kapitel 12). Auffallend ist überhaupt die patriarchale Verbindung zwischen Held und Heil. Im Märchen besiegt der Held alle möglichen Ungeheuer. Jesus opfert sein Leben am Kreuz und wird damit zum Heil-Land der Welt und Hitler ließ sich auch nicht zufällig mit "Heil Hitler" begrüßen! Weder Held, Heil, männlicher Tod und Blutopfer sind Bestandteil der Alten Religion von Gott der MUTTER als Komischer Mutter, sondern sind eindeutig patriarchal.

Literaturangaben:

Bachofen, Johann Jacob: Das Mutterrecht, Frankfurt am Main, 1975
Bott, Gerhard: Die Erfindung der Götter; Essays zur Politischen Theologie; Norderstedt, 2009
Bott Gerhard: Zum Wortstamm "arché" im Begriff Matriarchat unter http://www.gerhardbott.de/zu-den-palaeolithischen-homines-sapientes/zum-wortstamm-arche-im-begriff-matriarchat.html
Bott, Gerhard: "Mutterrecht versus Muttertum" unter http://www.gerhardbott.de/zu-den-palaeolithischen-homines-sapientes/mutterrecht-versus-muttertum-bei-bachofen.html
Bott, Gerhard: "Das bilineare Thronerbrecht der Paharaonen" unter http://www.gerhardbott.de/ii-neolithikum-und-danach/das-bilineare-thronerbrecht-der-pharaonen-.html
Fromm, Erich: Liebe, Sexualität und Matriarchat; Beiträge zur Geschlechterfrage; München 1994
Göttner-Abendroth, Heide: Die Göttin und ihr Heros, München 1990 und 2011
Göttner-Abendroth, Heide: "Im Matriarchat der Mosuos; Eine Forschungsreise nach Südchina" und "Matriarchate als herrschaftsfreie Gesellschaften, hg. von Göttner-Abendroth, heide/Derungs, Kurt, Bern 1997
Meier-Seethaler, Carola: Ursprünge und Befreiungen; Eine dissidente Kulturtheorie, Stuttgart, 2011

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